„Wasche dich, denn Islam ist Sauberkeit!“ Hygiene, Körperpflege, rituelle Reinheit im Islam – Nils Fischer

Im Islam ist die rituelle Reinheit ein so wesentlicher Teil der Religion, dass sie zu den fünf Pfeilern des Islam gezählt wird (Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt, rituelle Reinheit). Der Islamwissenschaftler und Philosoph Nils Fischer spürt der Geschichte der rituellen Reinheit im Islam und ihren Unterschieden zu und Gemeinsamkeiten mit gewöhnlicher Körperhygiene nach, von Aussprüchen des Propheten Mohammed bis zu Überlegungen zur Durchführbarkeit ritueller Waschungen im Weltall. Religionsrechtlich ist ein Gebet nur dann gültig, wenn der Gläubige davor in den Zustand der rituellen Reinheit eingetreten ist. Im Alltag ist es für gläubige Muslime fast unmöglich, diesen Zustand der Reinheit aufrechtzuerhalten, was beim Gebot des fünfmaligen Gebetes pro Tag zu Schwierigkeiten führt, die islamische Rechtsgelehrte seit Jeher beschäftigen. Dabei besteht schon keine Einigkeit über Gründe für rituelle Unreinheit; Einig ist man sich darüber, dass Alkohol, Schweine und Hunde, Tierkadaver und menschliche wie tierische Körperausscheidungen aller Art unrein sind, ob allerdings Dinge wie Schlaf oder das Berühren von Ungläubigen dazu zählen, ist umstritten. Die rituelle Unreinheit lässt sich, je nach ihrer Schwere, durch eine kleine oder eine große rituelle Waschung aufheben. Während die kleine Waschung vor jedem Gebet obligatorisch ist, wird die große Waschung, die den gesamten Körper einbezieht, nur nach sexuellen Handlungen notwendig. Auch am Freitag, dem heiligen Tag der Muslime und vor großen Festen oder Pilgerfahrten ist sie angeraten. Dabei verliert der Hammam, das Badehaus, im muslimischen Alltag zusehends an Bedeutung, da auch das Badezimmer zur großen Waschung dienen kann. Islamische Rechtsgelehrte gehen bei ihren Überlegungen auch auf alltägliche Probleme, die die rituelle Waschung hervorrufen kann, ein. So ist es auf Reisen auch möglich, sie, wo kein Wasser vorhanden ist, mit Sand oder Erde durchzuführen, oder für Astronauten sogar durch das Reiben der Hände an trockenen oder sauberen Oberflächen. Islamisches Recht befasst sich also auch mit sehr modernen und speziellen Problemen.

Die rituelle Waschung des Islam darf nicht mit der alltäglichen Körperhygiene verwechselt werden. Dennoch wird unter islamischen Rechtsgelehrten diskutiert, ob Mohammed mit seinen Bemerkungen zur rituellen Reinheit der Gläubigen nicht möglicherweise den Nutzen für die Hygiene und generelle Gesunderhaltung erkannt und einbezogen habe. Trotz der Uneinigkeit in vielen Einzelheiten und des Fehlens einer allgemein gültigen rechtlichen Instanz im Islam besteht Einigkeit darüber, dass der Islam eine Religion ist, in der Hygiene und Reinheit eine herausragende Rolle spielen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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